Catherine Herriger
Diplompsychologin IAP/SBAP.
 

Ess-Sucht
 
Frauen mit starkem Übergewicht leiden nicht nur unter ihren Pfunden, mangelndem Selbstvertrauen und sexuellen Schwierigkeiten, sondern auch unter den Reaktionen ihrer Umwelt. Eine ganz spezifische und fatale Mutter-Tochter-Bindung bildet meistens die Ursache für das Entstehen der Ess-Sucht.
 
«Falsch verstandene mütterliche Liebe behindert die Entwicklung seelischer und körperlicher Autonomie.»
 
 

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Stetig ansteigendes, massives Übergewicht, regelmässige und entwürdigende Fressattacken, unkontrollierbar gierige Nahrungsaufnahme mit darauf folgenden Scham- und Schuldgefühlen weisen auf eine Sucht hin – auf Esssucht.
 
Es ist eine den Körper verunstaltende Sucht, welche gerade bei einem Mädchen oder einer Frau in unserer westlichen, überaus mode- und gesundheitsbewussten Gesellschaft einer Kastration gleichkommt
 
Schlimm ist zudem, dass diese psychisch bedingte Fettleibigkeit keinerlei Lobby hat. Sie ist in der Öffentlichkeit stumm, weil nach wie vor als Sucht unerkannt. Esssucht ist nicht salonfähig, die durch sie verunstaltete Menschen gelten einfach als unschön und ihre Erscheinungsbild wirkt allgemein peinlich. Es gibt keine aufklärenden Inseratekampagnen zum Thema Esssucht und keine breitgestreuten, informativen Aufrufe für vermehrte Aufmerksamkeit und proaktive Zuwendung für die vielen Betroffenen - wie längst und völlig selbstverständlich bei sonstigen Suchterkrankungen.
 
So haben Beratungsstellen und Selbsthilfe-Gruppen für Esssüchtige nach wie vor den Status von Insider-Tipps. Erzieherische und schulische Präventionsmassnahmen sind – wiederum mangels gezielter Informationen – nicht existent. Im Kollektiv, in der öffentlichen Wahrnehmung gibt es Esssucht schlichtweg nicht.
 
Der Bumerangeffekt ist verheerend: Esssüchtige Menschen können/dürfen sich selbst nicht als krank erkennen, sondern fühlen sich fälschlicherweise zugehörig zu den Heerscharen der „Dicken“. Sie verhalten sich ihrem Körper gegenüber entsprechend, also falsch und kontraproduktiv. Zu ihrer Sucht gesellt sich im Allgemeinen eine weitere hinzu: die wachsende Abhängigkeit von Ratgebern und verschiedensten Diäten.
 
Zwischen Dicksein (oder regelmässig einige oder mehrere Kilos zu viel auf die Waage bringen) und Esssucht liegen Welten. Das eine mag eine persönliche Wahl sein oder ist medizinisch bedingt – das andere ist eine seelische Erkrankung, durchaus analog der Abhängigkeit von Drogen und Alkohol.
 
Es kann nicht deutlich genug betont werden: Die Begriffe Adipositas (Fettleibigkeit) und Esssucht sind NICHT deckungsgleich, obwohl sie sich in ihrer körperlichen Manifestation überschneiden. Esssucht ist das Symptom, der Ausdruck eines psychisch bedingten „Mechanismus“, der wiederholt und anfallartig zur übermässigen und unkontrollierbaren Nahrungsmittelaufnahme drängt.
 
Essucht ist eine SUCHT - und muss entsprechend erkannt, akzeptiert und behandelt werden.
 
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